Musiktheater nach einem Opera-Ballet vom Hof Augusts des Starken
Libretto von MARIA AURORA VON KÖNIGSMARCK
Musik von JOHANN CHRISTOPH SCHMIDT
- Sprechtexte und Regie: Amal Reich
Der junge sächsische Kurfürst Friedrich August I. („der Starke“) war im Dezember 1696 von seinem Einsatz als Oberbefehlshaber des kaiserlichen Heeres im Großen Türkenkrieg nach Dresden zurückgekehrt. Aus Wien brachte er eine neue Mätresse mit, die Gräfin Maximiliane Esterle. Damit wurde für alle sichtbar, worüber man schon seit einiger Zeit hinter vorgehaltener Hand gemunkelt hatte: Friedrich August hatte sich von seiner bisherigen Favoritin, der geistreichen und hochgebildeten Gräfin Maria Aurora von Königsmarck (1662–1728), abgewandt. Als erste Maîtresse en titre des „sächsischen Sonnenkönigs“ hatte sie bis dahin eine herausragende Stellung am Dresdner Hof eingenommen und nur wenige Wochen zuvor, im Oktober 1696, den gemeinsamen Sohn und künftigen Feldherrn Moritz von Sachsen zur Welt gebracht. Voltaire sollte sie später sogar „die berühmteste Frau zweier Jahrhunderte“ nennen. Doch mit der Ankunft der Esterle in Dresden sah sich Aurora von Königsmarck nicht nur vor der Hofgesellschaft ihrer bisherigen Position beraubt, sondern musste auch mit der persönlichen Zurückweisung und der Kränkung einer nicht mehr erwiderten Liebe fertigwerden.
Der Karneval 1697, der nach venezianischem Vorbild in Dresden prächtig gefeiert wurde, bot der vielseitig literarisch und künstlerisch tätigen Gräfin die Gelegenheit, auf ihre Weise damit umzugehen. Am 19. Februar vermerkt das Hofjournal einen Maskenball und notiert die Aufführung eines kleinen deutschsprachigen „Opera-Ballet“ mit einem französischen Nachspiel – dargeboten von „Dames und Cavaliers“ aus den Reihen des adligen „Publikums“. Der Titel auf dem gedruckten Libretto lautet schlicht „Fastnachts-Lust“. Die durch Gesang und Tanz in drei Szenen erzählte Handlung entfaltet sich um einen verlassenen, leidenden Liebhaber sowie die Allegorien Hoffnung, Eifersucht und Freude. Das als vierte Szene präsentierte Nachspiel bot Auszüge aus Anne Mauduit de Fatouvilles Sprechkomödie „La Fille savante“ („Die gelehrte Tochter“, Paris 1690).
Die Arrangeurin der „Fastnachts-Lust“ und Verfasserin des Textes für das Opera-Ballet Aurora von Königsmarckverarbeitete im Libretto – wie der Musikwissenschaftler Sebastian Biesold entschlüsseln konnte – ihre damalige Situation am Dresdner Hof. Ihre Beziehung zu August bildet die Vorlage für den zentralen Konflikt des Stückes. Allerdings vertauscht sie die Geschlechterrollen, zeigt ihre Geschichte als „verkehrte Welt“ und nutzt damit ein Stilmittel des barocken Karnevals. Die französischen Komödienszenen wurden von ihr so ausgewählt, dass sie unzählige codierte Anspielungen auf die Verhältnisse am Hof und teilweise erstaunlich freche Spitzen gegen August den Starken enthielten. Natürlich verstand jeder die versteckten Sticheleien. Ein pikanter Schachzug: Die Allegorie der Hoffnung verkörperte Aurora höchstselbst singend und tanzend. Dadurch inszenierte sie auf offener Bühne eine kunstvolle Auseinandersetzung mit ihrem ungetreuen August. Ob dieser dabei über sich selbst lachen konnte, bleibt ein Geheimnis. Das finale Grand-Ballet leitete schließlich in den realen Hofball und die Tafelrunde über.
Die Musik komponierte – wie schon für das Opera-Ballet „Musen-Fest“ im Karneval ein Jahr zuvor – der in Hohnstein in der Sächsischen Schweiz geborene Hofkapellmeister Johann Christoph Schmidt (1664–1728). Verwurzelt in der Tradition der mitteldeutschen Barockmusik und vor allem geprägt von der protestantischen Kirchenmusik, bediente er nach einem Aufenthalt in Italien und mit der Fähigkeit zur französischen Schreibart jenen „vermischten Stil“, der für Dresden charakteristisch war. Das von ihm anlässlich der großen Fürstenhochzeit 1719 vertonte Ballett „Les quatre Saisons“ („Die vier Jahreszeiten“) wurde bereits zum Dresdner Stadtjubiläum 2006 erfolgreich wiederaufgeführt.
Die „Fastnachts-Lust“ geriet in Vergessenheit und erlebt nun ihre Wiederentdeckung. Dass sowohl das gedruckte Originallibretto als auch eine Abschrift der Partitur (British Library) erhalten sind, ist für das gesungene deutsche Hofballett der Zeit äußerst selten. Die Idee zur Wiederaufführung entwickelte Dr. Reiner Zimmermann (1941–2026), langjähriger Vorsitzender des Instituts zur Erforschung und Erschließung der Alten Musik in Dresden. Er formte maßgeblich den konzeptionellen Zuschnitt des Projekts, brachte die beteiligten Partner zusammen und gewann sie für die gemeinsame Umsetzung.
Das polnisch-sächsische Opernensemble „La Compagnia Sassone“ von Eleni Müller holt dieses musiktheatrale Kleinod nach über 300 Jahren zurück auf die Bühne und ins Heute. Die neuen Sprechtexte der Regisseurin Amal Reich beleuchten die Liaison der Gräfin Königsmarck mit August dem Starken. Dabei hält die hinzugefügte Figur der Aurora die Fäden in der Hand und macht das sonst verborgen Bleibende für uns verständlich. Am Schluss wird – wie damals – getanzt, gelacht und gefeiert.
Die Produktion entsteht in enger Zusammenarbeit mit Musikschätze aus Dresden e.V. und ist in die internationale Tagung „Mätressen, Macht und Kunst um 1700. Spielräume weiblichen Handelns an europäischen Fürstenhöfen“ eingebunden (veranstaltet vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde Dresden, der TU Dresden, der KU Eichstätt-Ingolstadt, der JMU Würzburg und der SLUB Dresden).
Parallel erscheint die historisch-kritische Edition: Maria Aurora von Königsmarck / Johann Christoph Schmidt, Fastnachts-Lust, Opera-Ballet mit Nachspiel (Denkmäler der Tonkunst in Dresden, Ed. 8), hrsg. von Sebastian Biesold, Berlin: Ries & Erler 2026.
Künstler
„La compagnia Sassone“ ist ein kleines Opernensemble, das 2023 in Görlitz-Zgorzelec vom Kulturverein Ars Augusta e.V. und der Opernsängerin Eleni Müller gegründet wurde.
Ziel ist die Wiederentdeckung des reichen musikalischen Erbes der sächsischen Könige von Polen, August II. des Starken und August III. Mit Förderung der Kulturstiftung des Freistaats Sachsen debütierte das Ensemble mit Pergolesis „La serva padrona“ und Musik von Vivaldi bei den Schlesischen Musikfeste. Im Jahr 2025 präsentierte das Ensemble mit Förderung der EU ein Programm mit Madrigalen von Andreas Hammerschmidt in Zittau, Görlitz und beim Olomoucer Barockfestival. „Fastnachts-Lust“ ist das dritte Projekt des Ensembles.
- Regie & Ausstattung: Amal Reich
- Dramaturgie: Sebastian Biesold
- Choreografie: Mandy Coleman
- Produktion: Eleni Müller
- Aurora: Beate Laaß
- Der Liebhaber: Roberto Jacchini Virgili
- Die Hoffnung: Nicolle Cassel
- Die Eifersucht: Radoslava Vorgic
- Die Freude: Alexandra Beason
Das Lausitzer Barockensemble
auf Kopien historischer Instrumente
- Violinen: Anke Wengrich (Cottbus), Vojtěch Zajíc (Brno), Noemi Kusnierz (Lwówek Slaski);
Viola: Dominika Garncarz (Wroclaw);
Cello: Szczepan Dembinski (Wien);
Viola da Gamba: Radoslaw Dembinski (Swieradow Zdroj);
Oboen: Katarzyna Czubek, Haugk Hand (Dresden);
Theorbe: Marysia Wiłgos (Warschau);
Cembalo: Reinhard Seeliger (Görlitz)
Produktion
Eigenproduktion von ARS AUGUSTA e.V und MUSIKSCHÄTZE AUS DRESDEN e.V. aus Anlass der Tagung „Mätressen, Macht und Kunst um 1700. Spielräume weiblichen Handelns an europäischen Fürstenhöfen“, veranstaltet vom Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde Dresden, den Universitäten TU Dresden, KU Eichstätt und JMU Würzburg sowie der SLUB Dresden.
Die Aufführung erfolgt nach der kritischen Neuedition „Johann Christoph Schmidt, Fastnachts-Lust, Opera-ballet, Denkmäler der Tonkunst in Dresden Editions-Nr. 8, herausgegeben von Sebastian Biesold, Verlag Ries&Erler Berlin 2026.
KOOPERATIONSPARTNER
Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde
Gerhart-Hauptmann-Theater
Termine
Avant-première
26. September, 19.30 Uhr
Apollo Theater Görlitz
Premiere
28. September, 19.30 Uhr
Schlosskapelle Dresden
Texte
Prolog (Text: Amal Reich)
Aurora von Königsmarck begrüßt als historische Figur das heutige Publikum.
AURORA
Erlauchte! Hoch- und Wohlgeborene! Großmächtigste Gönner!
Ihr holden Musenfreunde! Getreue Untertanen des strahlenden Apoll!
Verwundert Euch nicht über mein Erscheinen!
Ja, vor Euch steht die Gräfin Königsmarck.
Bin ich auch längst dem Staube dieser Welt anheimgegeben,
so hat die Macht der Kunst mich heut hierher geführt.
Denn wo die Musen walten, schweigt die Zeit.
Blick ich umher in diesem auserles‘nen Kreise –
welch Herrlichkeit erfreut mein Auge und mein Herz!
Ich seh‘: Noch immer wandeln Menschen auf der Erde,
die das Schöne höher achten als den eitlen Lärm der Welt.
Ja, ich erkenne Euch sogleich:
In Euren Augen funkeln Geist und Kunstverstand gleich kostbaren Juwelen.
Wohl dem, der solche Schätze in sich trägt!
Fortunens Rad erreicht sie nicht.
Und in dies innere Gewölbe dringt kein Dieb,
um sie des Nachts von dort zu stehlen – die Juwelen.
Doch nun zum Anlass meiner Wiederkehr:
Wir haben uns dereinst erdreistet,
zur Zeit des Karnevals an Dresdens Fürstenhof
ein kleines Sing- und Saitenspiel für die Erhab‘nen zu ersinnen.
Es sollt ein Wiederschein der Liebe sein,
der Treue und der süßen Torheit,
darin mein jung Gemüt einst glühend lebte.
Den spröden Herzen galten diese Lieder,
denn Amors Pfeile zwingen jeden Harnisch nieder.
Dies Fastnachts-Stück woll‘n wir Euch heute zeigen.
Der unvollkommene und gar zu schwache Text
– entsprungen meiner flücht‘gen Feder –
sucht nichts als Eure gnädige Zerstreuung.
Denn alles Große wurde schon gesagt,
und seit Jahrtausenden kommt unsereins zu spät!
Doch wie die Blume sich der warmen Sonn‘ entgegenstreckt,
so lechzet unser kleines Spiel nach Euren huldvollen Blicken.
Mögen andere Schönheiten in eitler Vermessenheit
nach Reichtum und Kontrakten gieren,
um am Ende als einsame Schatten
in den kalten, windumtosten Mauern von Stolpen herumzuirren.
Uns hingegen – uns genügt der gold‘ne Glanz der Musen!
Denn während steinerne Burgen verwittern
und jüngst erbaute Brücken, ach, so kläglich in die Elbe sinken –
trotzen unsere Verse der Zeit.
Des alten Werkes Zauber bricht sich zwiefach Bahn:
Erst lebts im stillen Sinnen der Gelehrten,
und dann im bunten Treiben auf der Bühne fort.
Die Kunst erstrahlt als immer neue Hoffnung,
Auroras Ruhm erneuert sich mit jedem süßen Ton.
Doch erwäget dies beizeiten:
Solch filigranes Klang-Gebilde brauchet festen Grund!
Nur kleingeistige Knauser und Verächter des Helikons
setzen ihren Rotstift an die Leier des Apoll.
Kluge und erhab‘ne Herrscher wissen wohl,
dass man sich nur mit Großmut wahren Ruhm verschafft!
Noblesse oblige!
Denn wer am Schönen spart, verdunkelt nur den Glanz der eignen Zeit.
Und eine Welt ohne Gesang ist wie ein Himmel ohne Sterne.
Nun denn, geneigte Musenfreunde, legt die Masken an!
Lasst uns des Tages Kummer in die Winde streuen
und uns ganz dem berauschenden Tanz der Gleichnisse ergeben.
Möge das Spiel der Leidenschaften Eure Herzen entzünden,
denn Euer Beifall ist die Krone, nach der mein Geist sich sehnt!
Erlebet nun die Fastnachts-Lust!
Credits: Sonnenmaske Augusts des Starken, Johann Melchior Dinglinger, Dresden, 1709 © SKD, Rüstkammer, Foto: Jürgen Karpinski
Produktionen
Alle Produktionen von Amal Reich im Überblick. Bilder und Videos sowie Informationen zu Handlung, Darstellern und Produktionsteam.
Kontakt
Amal Reich
Wolfshügelstraße 1
01324 Dresden
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